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Hummel-Business

Kurzgeschichte von Lemonbits: Hummel-Business

© lemonbits

Die Hummel zog scheinheilig über den Grashalmen der großen Parkwiese ihre Kreise. Kurz ließ sie sich auf einem abgeknickten Gänseblümchen nieder und tat so, als ob sie ihr Hummel-Ding abziehen würde; herumsummen, Blüten bestäuben, Nektar einsammeln und diesen Kram. Aber in Wirklichkeit ließ sie ihr Umfeld nicht aus den Augen.

Ihr facettenreicher Blick erfasste die kleinen Menschengrüppchen, die sich um ihre Grills versammelt hatten und stickige Duftwolken produzierten, die durch den Park waberten. Einzelgängerische Sonnenfans, die ihre weißen Gliedmaßen wie jeden Frühling unbarmherzig der UV-Bestrahlung aussetzten und dabei abgesehen von gelegentlichen Wendungen regungslos auf ihren Decken lagen. Frisbee-, Federball- und Kubb-Spieler, die mit ihren explosionsartigen Rufen und ausschweifenden Bewegungen für Unruhe sorgten … aber eben auch für Ablenkung, was der Hummel im Gegensatz zu ihren Artgenossen sogar ganz recht war.

Sie schwang sich wieder in die Lüfte und klopfte sich den ekligen Blütenstaub von den Beinen. Dann nahm sie Kurs auf das glückliche Pärchen, das gerade mit dem Smartphone im Anschlag dem kahlköpfigen Nachwuchs begeistert die Aufmerksamkeit schenkte.

Ja, wackele nur deine ersten Schritte, Menschenkind, dachte die Hummel. Halte Mama und Papa schön beschäftigt.

Sie ließ sich auf dem Rand der Damenhandtasche nieder und spähte hinein. Bingo! Es gab ein kleines Innenfach, das eine dezente, aber verdächtige Ausbeulung vorwies. Die runde Silhouette unter dem schwarzen Stoff war neben dem Gerümpel in der Tasche verdammt leicht zu übersehen – aber als Profi erkannte es die Hummel sofort.

Ein kurzer Seitenblick, dann stieß sie sich ab und tauchte summend in das enge Seitenfach hinein.

Es war schummerig und es roch betäubend nach einem Gemisch aus Pfefferminze und Lederimitat. Doch davon ließ sie sich nicht abschrecken. Als sie die Stoffwände etwas auseinanderdrückte, konnte sie ganz unten einen silbernen Schimmer erkennen. Dort, wo sie zuvor die Ausbeulung gesehen hatte. Sie kroch weiter hinab und lauschte auf die dumpfen Geräusche der Außenwelt. Ja, lauf, kleiner Mensch. Noch einen Schritt, noch einen Schritt. Toll machst du das!

Jetzt war sie ganz dicht dran. Sie rutschte das letzte Stück hinunter und konnte dann bereits mit ihren Fühlern über das kalte Metall streichen. Sie fuhr ihren Rüssel aus, um den Geschmack zu überprüfen. Nickel, Messing, Kupfer und menschlicher Schweiß. Das ist es! Es war schon vorgekommen, dass sie sich von dem Äußeren täuschen lassen und nur so einen Plastik-Chip für den Einkaufswagen ergattert hatte. Doch dieses hier war die Beute, die sie suchte.

Sie zerrte, schob und drückte ihr ganzes Körpergewicht gegen die Münze, um sie in die richtige Position zu drehen. Als sie ihren pelzigen Bauch mittig darauf platziert hatte, musste sie nur noch mit ihren sechs Beinen um den Rand greifen und los ging es. Den Blick fest auf den Ausgang gerichtet flatterte sie mit den Flügel, soweit das enge Fach der Tasche es zuließ. Der Weg heraus war immer der schwierigste Part. Sie kniff den Rüssel zusammen, ihre Brustmuskeln vibrierten. Langsam quetschte sie sich nach oben, dem Licht entgegen – und draußen war sie!

Die frische Luft belebte ihre Sinne, was ihr einen regelrechten Adrenalin-Kick gab. Schnell gewann sie an Höhe, die Münze sicher im Griff. Die Menschen schenkten ihr natürlich keine Beachtung. Sie war ja nur eine Hummel. Nur das Kind schaute mit großen Augen in ihre Richtung. Grinsend hielt sie seinem Blick für einen Moment stand, während sie mit sicherem Abstand eine provozierende Schleife flog. Da schaust du, was, kleiner Mensch?

Es hob seine Hand, zeigte auf sie. „Da!“, machte es.

„Ja, eine Hummel, toll!“, antworteten die Eltern entzückt.

Und schon war die Hummel außer Reichweite, bevor die Erwachsenen begreifen konnten, was gerade passiert war. Euphorisch summte sie weit über den Köpfen der anderen Parkbesucher hinweg. Sie liebte diesen Moment!

Nach ein paar hundert Metern merkte sie dann deutlich das Ziehen in ihren Beinen und auch die Flügel wurden langsam schwer. Doch mit aller Zielstrebigkeit bugsierte sie ihren Schatz bis zu der Baumgruppe am Parkrand.

Erschöpft ließ sie ihre Beute auf den Münzstapel fallen, den sie hier zwischen den Blättern bereits angehäuft hatte, und setzte sich schnaufend daneben. Sie zählte noch einmal durch – keine schlechte Ausbeute für einen Tag. Das sollte erst mal reichen.

Sie blickte nach oben, zwischen den Baumkronen hindurch. Dem Winkel nach, in dem die Sonnenstrahlen auf ihre Augen trafen, musste er bald kommen. Sie gönnte sich ein paar Atemzüge, um wieder zur Ruhe zu kommen, während denen sie einfach die menschenleere Geräusch- und Geruchskulisse genoss. Eigentlich fehlt jetzt nur noch eines … Die Hummel rieb sich vor Vorfreude die beiden Vorderbeine.

Und schon war die Idylle war wieder vorbei.

Er näherte sich wie Gewitter, das aus der Ferne durch den Wald rollte. Mit jedem Schritt musste er wohl tausend Halme umknickten und Zweige zerbrechen. Er war ein äußerst unangenehmer Mensch. Trotzdem verzog sich der Rüssel der Hummel zu einem Lächeln.

Da zeigte er sich nun zwischen den Bäumen. Er verharrte kurz, dann beugte er sich zu dem Münzstapel hinunter und hob sie mit seiner riesigen Hand auf. Erst sah es so aus, als würde er sie wiegen, um den Wert abzuschätzen, doch schon gleich schob er sie in seine Hosentasche.

„Gut gemacht“, sagte er.

Der Hummel schwellte vor Stolz die Brust. Es hatte also dieses Mal wirklich ausgereicht. Endlich würde er sein Versprechen erfüllen. Sie schüttelte ihre erschöpften Beine aus und lockerte die Flügel. Sie war bereit.

Der Mann hatte unterdessen eine flache Schale aus seinem Rucksack geholt und neben sich auf den Boden gestellt. Nun griff er erneut in seine Tasche und zog eine Bierflasche heraus. Er öffnete sie mit einer geschickten Handbewegung an der Rinde des nächsten Baumes und goss einen Teil der schäumenden Flüssigkeit in die Schale. Dann richtete er sich wieder zu seiner vollen Größe auf und nahm selbst einen großen Schluck.

„Viel Spaß“, sagte er und verschwand wieder geräuschvoll zwischen den Bäumen.

Als er außer Hörweite war, ließ sich die Hummel langsam in das kühle Bierbad gleiten; mit dem Hinterteil zuerst, die Vorderbeine lässig über den Schalenrand gelegt. Der Geruch hatte längst ihre Sinne umnebelt und sie schwebte selig grinsend im siebten Himmel. Als ihr Bauch ganz bedeckt war, entfuhr ihr ein wohliges Seufzen.

8 Kommentare

  1. Hallo Lemon

    Niedliche Kurzgeschichte aus einer interessanten Perspektive.

    Würde gerne mehr von dir lesen und eventuell mal was gemeinsames veröffentlichen bzw. als Lesetipp via Rekishi Books vorstellen. ;-)

    Suchen, gerade im Kurzgeschichtenbereich, immer gute Schreiber und Newcomer, die Ihre Werke gerne der Öffentlichkeit zum Besten geben / einmal geben würden.

    Gruss
    Rekishi Books

    Antworten
      • Hallo Lemon

        Leider habe ich deine Antwort erst jetzt gesehen, da ich nicht benachrichtigt wurde…

        Wir werden uns demnächst via Mail bei dir melden. :-)

        Liebe Grüsse
        Rekishi Books

        Antworten
  2. Hallo Lemon

    Entschuldige bitte, dass ich mich so lange nicht bei dir gemeldet habe.

    Leider dauert die ganze Geschichte mit Rekishi Books länger als ursprünglich gedacht, daher ist die Plattform immer noch im Aufbau – es gab also bislang noch keinen besonderen Grund mich bei dir zu melden…

    Zwischenzeitlich hat sich nun aber ergeben, dass ich vor dem Erscheinen der Rekishi Books Plattform schon einmal mit meiner eigenen Seite gestartet bin (silvioberger.ch) und dort jede Woche eine kleine Geschichte einstelle; dies nun in der dritten Woche, jedoch bereits aufgegleist bis und mit Woche neun (also noch sechs kurze Geschichten liegen bereit in der Pipeline, drei sind bereits draussen).

    Lange Rede kurzer Sinn: Wie ich in meinem ersten Kommentar zu deiner süssen Geschichte erwähnte, würde ich gerne weitere Kurzgeschichten von dir lesen. Ausserdem würde ich gerne – falls dies in deinem Sinne wäre und du es mir gestatten würdest – die hiesige Geschichte Hummel Business in deinem Namen(!) auf meiner Seite posten, da mein Publikum auf Kurzgeschichten steht und deine ziemlich gut in die Reihe passen würde was Schreibstil etc. angeht. Natürlich würde ich dir beizeiten die entsprechenden Zugriffs- und Interessens-Statistiken weiterleiten, damit du siehst, wie deine Geschichte in meinem Umfeld in der Schweiz ankommt.

    Wenn die Leser positiv auf deine Geschichte reagieren und die Rekishi Books Plattform endlich eine finale Form annimmt, könnte ich mir gut vorstellen, (ebenfalls wie damals schon erwähnt) mit dir gemeinsam und vielleicht auch noch mit anderen Autoren einen Kurzgeschichtenband zu veröffentlichen, oder zumindest über die Landesgrenze hinaus das gegenseitige Publikum zu erweitern, sei es in einem gemeinsamen Werk, oder durch das Posten der gegenseitigen Geschichten auf den jeweilig bestehenden Plattformen.

    Ich würde mich freuen, wenn du mir erlauben würdest, deine Geschichte in deinem Namen auf meiner Seite zu posten (natürlich inkl. Backlink auf deine Seite und den originalen Artikel) und bin – gegebenenfalles – gespannt auf die Reaktion des schweizerischen Publikums, um zu sehen, ob eine Zusammenarbeit Sinn machen würde und im Interesse beider Parteien wäre.

    Sorry noch einmal für meine verspätete Kontaktaufnahme und viele liebe Grüsse aus der Schweiz! :-)

    Rekishi Books
    Silvio Berger

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    • Hallo Silvio,

      danke für die Nachfrage! Darüber freue ich mich sehr.

      Meine Hummel-Geschichte ist mittlerweile in einem eBook/Taschenbuch erschienen. Ich müsste schauen, ob ich noch eine ähnliche Kurzgeschichte in petto habe. Ich schaue mich mal auf deiner Seite um und melde mich bei dir!

      Liebe Grüße
      Corinna

      Antworten
    • Danke für den Hinweis! Ich hab die finale Geschichte mittlerweile überarbeitet und durch ein Korrektorat geschickt. ;)

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  3. Hallo Corinna

    Da die Plattform rekishi.ch (im Hintergrund) nun endlich Fortschritte macht, melde ich mich wieder einmal bei dir mit der Frage, ob du Lust hättest, als Feature-Autor VOR Launch der Website an der Community teilzunehmen?

    Natürlich ist die Teilnahme kostenlos und gleichzeitig kannst du auf diese Weise Werbung für deine Werke machen.

    Ich freue mich auf deine Antwort und hoffe, dass du dabei bist! :-)

    Öffentlich ist momentan eine Coming Soon Seite, im Hintergrund gibt es aber schon deutlich mehr zu sehen. Wenn du interessiert bist mitzuwirken, kann ich dir vllt. schon jetzt einen Blick darauf verschaffen.

    Liebe Grüsse
    Silvio
    Rekishi Books

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