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Ich glaube nicht an Zufälle

Ich glaube nicht an Zufälle. Genau genommen sind so genannte Zufälle nur mindestens zwei aufeinander folgende Ereignisse, die in keinem kausalen Zusammenhang stehen, zumindest scheinbar. Dieses Phänomen kommt nach genauerer Überlegung relativ häufig vor, daher käme dieses Nicht-daran-glauben einem Glauben an Vorbestimmung, Schicksal gleich. Möchte man diese esoterisch anmutende Haltung vermeiden, aber auch ein lockeres Hinnehmen von Zufälligkeiten vernachlässigen, so sind die eingetroffenen Ereignisse eben auf ihre noch so unwahrscheinliche Kausalität zu untersuchen. Denn ein Ereignis setzt meist etwas voraus, dem es nach einer Regel folgt. So möchte ich an einem Punkt beginnen, der mir am geeignetsten für den Beginn der Betrachtung erscheint. Okay.

Wie einen jeden überkam auch mich mal wieder der Hunger und ich begab mich auf die Suche nach Nahrung. Und es knurrt immer noch – dies ist also eins der Ereignisse in der Kette von Vorkommnissen, die zu meiner jetzigen Lage führten. Doch das erste ist es wohl nicht. Denn schon vor einiger Zeit ist mir aufgefallen, dass das Nahrungsvorkommen immer geringer wird. Vielleicht sollte ich da beginnen. Na gut, aber viel Zeit bleibt uns nicht!

Ich kam schon bald zu der Vermutung, dass das Grün empfindlich auf Einstrahlung reagiert, die durch den allmählichen Rückgang einer Art Schutzschicht in der Luft immer stärker wird – immer nur Grün ist engstirnig, meinst du nicht? – und somit die Verringerung des Angebots unausweichlich war. Wenn es weniger Nahrung gibt, als für eine Gruppe von Nahrungsverarbeiter benötigt, so bleiben schließlich einige auf der Strecke – schön gesagt. Normalerweise leben wir ja in einer sehr sozialen Umgebung, doch unterschwellig wurde der Druck aufgrund der Grünknappheit immer stärker spürbar. Es sind also meist die Schwächeren, die ohne Durchsetzungsvermögen, die zu den Verlierern gehören. Und zu denen gehörst du nicht, richtig? Nein. Nicht jeder, der letztlich vor seiner Zeit verendet, tut dies aufgrund mangelnder Aggressivität.

Es gibt ja auch noch andere Faktoren. Da schon wieder! War das dein Magen?

Zunächst die immer schlechter werdende Umwelt. Ein bitterer Geschmack im Mund, die Schwerfälligkeit zu atmen und weiterhin vermag nicht jeder den stetig zunehmenden Lärm zu ignorieren. Wer nur die sonstige Ruhe, höchstens verfeinert durch den Wohlklang von Liedern, gewohnt ist, verfällt, plötzlich aufgeschreckt durch das verzerrte Kreischen, in Panik. Ein zu schnelles Auftauchen, zudem man sich unter keinen Umständen hinreißen lassen sollte, führt zu einem unerträglichen Kribbeln im Körperinnern.

Ich habe dies selbst einmal ansatzweise gespürt, als ich Luft holen wollte, und habe daraufhin schleunigst den Vorgang verlangsamt, denn es endet meist tödlich, wie ich bei anderen beobachten konnte. Na, Hauptsache dir passiert das nicht! Ich habe mich stets bemüht, von dem Lärm in ausreichender Entfernung zu bleiben. Warum bist hier, wenn du so vorsichtig warst? Mit so einem empfindlichen Gehör ist es halt nicht leicht, die Orientierung zu behalten.

Und ich – es ist wirklich warm hier – ich muss kurz Luft holen. Du kannst die ganze Zeit Luft holen! Hast du das noch nicht bemerkt?

Schon das Krachen in einer Entfernung von hundert Kilometern kann störend sein, wenn man sich in einem gefährlichen Gebiet aufhält. Was meinst du bitte mit gefährlich? Wir sind doch ganz allein. Mit gefährlich meine ich ein unbekanntes Gebiet. Viele gefährliche Feinde haben wir ja nicht. Aber die Sehfähigkeit ist ja nicht unbedingt die ausgeprägteste. Und wie ich bereits erklärte, ist das Grün selten geworden, so dass man sich in unbekannte Regionen vorwagen muss. Wie für meine Art typisch mit einem hervorragenden Orientierungssinn ausgestattet – das hat man ja gemerkt –, stellt es üblicherweise keine Gefahr dar, sich so weit vorzuwagen. Zu mal man selten von den seinen getrennt ist. Doch spielten in diesem Fall mehrere Faktoren eine Rolle.

Nun, üblich halte ich mich mit meiner Gruppe in einem Gebiet auf mit einer Wärme von circa 33 Einheiten, nein es waren 35 Einheiten, glaube ich. Doch wurde es erstaunlicherweise immer wärmer, dort, wo ich schon so viele Male gewesen bin. Zunächst dachte ich, ich könnte mich daran gewöhnen, doch viele haben es nicht ausgehalten und ich wollte nicht allein bleiben. Das war vielleicht dein Fehler. So zogen wir zusammen in angenehmere Gebiete. Da, wo es noch 33 Einheiten sind. Nein, du meinst 35 Einheiten. Richtig. Dort haben wir neue Grünfelder erschlossen, aber genug war es nicht. Dafür dieser Lärm, immer häufiger hier.

Ja, außerdem war da dieser Sog. Er dient uns zur Orientierung, aber alles scheint durcheinander. Sonst ist es dieses Gefühl, wo wir in welche Richtung, also … wann wir schwimmen sollen. Wir wissen es alle, es ist unser Gespür. Aber hier ist es anders. Es hängt vielleicht mit den – den –

… mit den Körpern in der Luft zusammen? Ja, mit dem Abstand. Ich bin mir nicht sicher.

Aber irgendwie verändert sich dieser Sog, so dass wir unsere Wanderungen nicht fortsetzen können. Der Sog war doch schon immer gleich. Was redest du denn da? Ja, aber je weiter wir von unserer gewohnten Gegend entfernt sind, so anders fühlt es sich an. Irgendwie stärker und das verunsichert.

Na ja, wegen dem Abstand der Luftkörper vielleicht, weil es hier näher dran ist. Ist nur eine Vermutung.

Und dann war da auf jeden Fall noch so ein Sog, aber anders. Du meinst das Wasser? Aber das kennst du doch! Ja, aber diesmal nicht. Da war plötzlich soviel mehr Wasser und der starke Sog.

Die Gegend war fremd und – ich hatte so einen Hunger!

Dann war da plötzlich der Krach.

Ich hab – wir … wir alle hatten – wir –

Ist alles okay?

Es ist nur diese Schwere – das Körpergewicht?

So schwer zu atmen – Und so warm … und –

… und trocken? Das scheint mir das größere Problem.

Ja, und trocken. – Das wird schon!

Ich krieg keine Luft. Aber hier ist doch so viel davon.Hey!

Bist du noch da?

© 2008 by lemonbits

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