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Von bikeshedding und yak shaving

Mein Freund, auch bekannt als „der Schatz“ ist nicht nur ein intelligenter und gutaussehender Mann, er ist außerdem ein Pool obskurer Redewendungen. Das begeistert mich als Germanistin und Autorin natürlich umso mehr. Da er bei Gesprächen immer wieder etwas fallen lässt, auf das ich dann aber doch (wider besseres Wissen) nur augenverdrehend mit „Das hast du dir doch gerade ausgedacht!“ reagieren kann (um hinterher festzustellen, dass es tatsächlich einen Wikipedia-Eintrag dazu gibt), habe ich beschlossen, all diese Ereignisse in einer eigens erstellten Kategorie namens Yak shaving festzuhalten und euch daran teilhaben zu lassen.

Obskure Formulierungen – auch wenn die meisten davon Englisch bzw. Neudeutsch sein werden – kann man schließlich nie genug kennen.

Los geht’s mit neulich … Auch wenn dies ein Erlebnis war, von dem der Schatz mir nur berichtet hat.

„Heute hat mein Chef mich komisch angeguckt.“
„Wieso?“ Ich stelle die Kaffeetasse ab. Als Selbstständige gehe ich im Kopf alle Szenarien durch, warum ein Chef seinen Mitarbeiter komisch angucken könnte … schlechte Leistung, verpatzte Deadline, im Ton vergriffen …
„Ich hab etwas gesagt“, druckst der Schatz herum.
Oh Gott, er hat sich tatsächlich im Ton vergriffen. Was könnten die Konsequenzen sein? Abmahnung, Versetzung, Kündigung …
„Nach einer Besprechung haben wir uns noch über das Projekt unterhalten und ich meinte, wir sollten aufpassen, kein Bikeshedding zu betreiben. Und da hat er mir einen komischen Blick zugeworfen.“
„Bike…shedding? Kein Wunder, du kannst dir nicht immer solche Wörter ausdenken, die keiner versteht!“, rufe ich aus und vor meinem inneren Auge poppen sämtliche Kommunikationsmodelle von Schulz von Thun auf. Sender, Nachricht, Empfänger usw.
„Bikeshedding ist nicht ausgedacht!“, wehrt sich der Schatz.
„Genau“, ich verdrehe die Augen, „und was soll das heißen?“
„Dass man sich mit unwichtigen Details aufhält, wie die Farbe des Fahrradschuppens, statt sich um die wichtigen und großen Fragen zu kümmern. Eine Art Prokrastination.“
Ich mustere ihn. Das klingt plausibel, zu plausibel. Verdammt!
„Ach ja, und wo hast du das her?“, frage ich, während ich mein Handy zücke und Google befrage.
„Ach, irgendwann mal vor Ewigkeiten in nem Podcast gehört.“
Google verweist mich mit seinem ersten Treffer tatsächlich gleich zum englischsprachigen Wikipedia. Bikeshedding, noun. Grob übersetzt: Verschwendung von Zeit und Energie, um technische Kleinigkeiten zu diskutieren. Prokrastination.
„Na gut“, gebe ich kiefermahlend zu, „du hast recht.“ Ich scrolle noch ein Stück runter und muss lachen. „See also: yak shaving.“
„Yak shaving?“ Der Schatz bekommt strahlende Augen. „Das hab ich schon mal gehört! Was genau heißt das?“
Er schaut mir über die Schulter, als ich dem Link folge und übersetze: „Eine scheinbar unnütze Tätigkeit, die schließlich dazubeiträgt, ein größeres Problem zu lösen.“
„Super, das bring ich morgen auf der Arbeit unter.“
Ich habe keinen Zweifel daran und lege das Handy schnell weg, bevor wir noch mehr Merkwürdigkeiten entdecken. Zwei Begriffe sind für heute genug.

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